Robert Heijkoop, Brudertod, 2018

Robert Heijkoop, Matrose, 2018

BAWONSAMDI

07.09. - 13.10.2018

 

 

Die DIRECT ART GALLERY – OUTSIDER & MORE präsentiert in der Ausstellung No 18 Arbeiten aus dem zeichnerischen Werk des belgischstämmigen Künstlers Robert Heijkoop. 1939 in Amsterdam zur Welt gekommen, eignete er sich die Malerei bereits in frühester Jugend autodidaktisch an. Seit den 1970er Jahren lebt und arbeitet Heijkoop in Mönchengladbach. Die DIRECT ART GALLERY widmete bereits im Jahr 2016 seinen Gemälden eine Einzelausstellung.

 

Seine ihm eigene, unverwechselbare künstlerische Handschrift bringt Figurenerfindungen von hoher Wiedererkennbarkeit hervor: Menschen mit dominanten, schweren Häuptern, deren ernste Gesichter er überwiegend in Seitenansicht zeigt und deren Körper er unter langen, voluminösen Gewändern verbirgt. Mit dem Typus des scharf geschnittenen Profilkopfes mit Stirnnase und hoch angesetzten Mandelaugen knüpft Heijkoop an die Idee des „Kopffüßlers“ an, eine künstlerische Figurenauffassung, die er mit Horst Antes teilt. Antes, der zu den Mitbegründern der Neuen Figuration zählt, hat seine archaisch anmutenden Gestalten einer radikalen Reduzierung unterworfen, indem er ihnen die Mitte, den Rumpf genommen hat. Heijkoops Fokussierung auf den Kopf geschieht durch Verhüllung und damit Verunklärung der Körperlichkeit.

 

Die einmal entwickelte prototypische Bildfigur zieht sich als eiserne Konstante durch sein künstlerisches OEuvre in unzähligen Variationen bis hin zu fremdartigen Phantasiewesen oder Chimären im Zusammenspiel von Mensch und Tier. Aus ihren Haltungen, Interaktionen und Attributen entwickeln sich subtile, verrätselte, kafkaeske Geschichten, die der Künstler erzählt. Oft sind es surreale Konstellationen, die Unbehagen wecken, da der Betrachter sie nicht eindeutig deuten kann. Auch in seiner Zeichentechnik bleibt Heijkoop konsequent bei seiner aufwendigen Methode des minutiösen Strichelns und Schattierens. Unter Verzicht auf konturierende Linien schafft er Formen mit klarem Umriß und erzeugt zarte, fließende Grauabstufungen in feinsten Nuancierungen.

 

In der Zeichnung „Bawonsamdi“ bezieht sich Heijkoop auf eine Figur, die dem Voodoo-Kult in Haiti entstammt. Der Name ist eine kreolische Abwandlung des Baron (de) Samedi, dessen bildliche Darstellungen einen schwarz gekleideten, skelettierten Mann mit Stock und Zylinder, oftmals mit einer Zigarre zwischen den Zähnen, zeigen. Er gilt als Hüter der Schwelle vom Leben zum Tod, als Begleiter der Seelen der Verstorbenen vom Grab in die Unterwelt – vergleichbar mit „Freund Hein“. In der Karibikfolklore geht der Glaube um, er käme die kleinen Kinder holen. Heijkoops Bawonsamdi tritt auf als elegant gekleidete Erscheinung mit breitkrempigem Hut, Pelerine und aufgesetzten Rippen auf dem gerade herabfallenden dunklen Gewand. Streng symmetrisch im Aufbau, wird er eng flankiert von zwei fest verschnürten kleinen Wesen mit geschlossenen Augen: Wickelkinder, die ihm ins Reich der Toten folgen sollen? Irritierend sind ihre erwachsenen Gesichtszüge und die Konturen, die einen männlichen und weiblichen Körper andeuten.

 

Die Zeichnung eines Matrosen, dessen Kopf so tief in den Rumpf eingedrückt ist, dass Hals und Unterkiefer darin verschwunden sind und ihm dadurch die Fähigkeit zu sprechen genommen ist, verweist durch kyrillische Schriftzeichen auf seiner Mütze auf den Untergang der Kursk, dem seinerzeit modernsten Atom-U-Boot der russischen Marine. Eine Explosion riss das Kriegsschiff am 12. August 2000 in die Tiefe und alle 118 Besatzungsmitglieder in den Tod. Bis heute gibt es keine völlige Klarheit sowohl über die Ursache als auch die missglückte Rettungsaktion. Scharf kritisiert wurde die verlogene Informationspolitik der Regierung, die das Ausmaß der Katastrophe verschleierte und den Untersuchungsbericht noch immer unter Verschluss hält. So ist auch dieser Matrose zu ewigem Stillschweigen verdammt.

 

Einen stillen, berührenden Moment der Trauer und des Abschiednehmens gibt die Arbeit „Brudertod“ wieder. Der zurückgelassene Bruder beugt sich über den hingestreckten Leichnam und legt innig seinen Kopf auf das Herz des anderen. Zusammen mit dem Totenbett verschmelzen die beiden Gestalten zu einem harmonischen Ganzen in weich abgestuften Rundungen, vereinen Diesseits und Jenseits und entziehen sich in ihrer tiefen Verbundenheit allen Gesetzen von Raum und Zeit.

 

„Meine Ideen entstehen im meditativen Akt des Zeichnens“, so Robert Heijkoop. In der Ausstellung „BAWONSAMDI“ legt die DIRECT ART GALLERY den Fokus auf Heijkoops Zeichnungen, denen er selbst eine besondere Stellung in seinem OEuvre beimisst. In seinen Themen verwebt er in seiner unverkennbaren Art literarische, mythologische und zeitgeschichtliche Bezüge mit Zwischenmenschlichem. Die Zeichnungen entstanden für diese Ausstellung.

 

 

DIRECT ART GALLERY

 

Die DIRECT ART GALLERY ist eine gemeinnützige Galerie zur Förderung von Künstlerinnen und Künstlern mit psychischem oder geistigem Handicap. Sie wird von der Aktion-Kunst-Stiftung betrieben und ist im Galerien- und Museenzentrum Düsseldorfs verortet. Neben Werken aus dem klassischen Outsider-Bereich präsentiert die DIRECT ART GALLERY junge, zeitgenössische Positionen.