Josef Hofer, 2006

Hans Kaiser, 1967

Hans Kaiser, 1964

RANDGÄNGE

20.04. - 14.07.2018

 

 

Mit der Ausstellung No. 17 präsentiert die Direct Art Gallery zwei Künstler im Diskurs, die einander persönlich nie begegnet sind: Den Zeichnungen Josef Hofers, einem international etablierten Maler der Outsider Art, steht das Porträtwerk Hans Kaisers, einem bedeutenden Vertreter der informellen Malerei der Nachkriegszeit, gegenüber. Das sie verbindende Element ist das Thema Raum.

 

Josef Hofer, dessen Werk heute hohe Anerkennung und Wertschätzung durch zahlreiche Ausstellungen, Publikationen sowie weltweite Präsenz in Museen und Sammlungen zuteil wird, kam 1945 zur Welt und wuchs völlig isoliert auf dem elterlichen Bauernhof in Oberösterreich auf. Bereits als Kind begann er zu zeichnen. Im Mittelpunkt seines Schaffens steht die Selbstbeobachtung und Darstellung der eigenen Person. Die Auseinandersetzung mit der nackten, männlichen Körperlichkeit geschieht durch obsessive Selbstbespiegelung in allen nur erdenklichen Posen und Situationen, wobei das reflektierte Gegenüber als „alter ego“ wahrgenommen wird. Dies setzt er zeichnerisch – mit kräftig geführtem Strich und expressionistischem Duktus, in seiner unverkennbaren Bildsprache – in intime Szenen um: gewundene, verdrehte Körper, mal einer, mal mehrere, mal mit sich, mal miteinander beschäftigt. Die späte Entdeckung des eigenen Ichs und seiner Geschlechtlichkeit wird ungefiltert, kindlich-arglos und unbeeinflusst von gesellschaftlichen Normen abgebildet und preisgegeben.

Seine Darstellung des entblößten Ichs umgibt Josef Hofer mit einer Rahmenstruktur: Eng liegende Striche, zu Bändern in Gelb- und Orangetönen koloriert, umziehen das Blatt, anfangs partiell, später dann dominiert ein ausgeprägtes geometrisches Geflecht die Arbeiten. Die minutiös gezogenen Linien- und Gitterstrukturen, das Markenzeichen der Hoferschen Werke, umschließen die unstetigen Figuren, begrenzen und stabilisieren sie zugleich. Dabei kann sich die Rahmung der Figur anpassen oder auch Figur sich in die vorgegebene Rahmung einschmiegen; die Interaktion des dargestellten Ichs mit der einzwängenden, zuweilen klaustrophobisch wirkenden Umgebung reicht von Einpassung bis hin zur Übertretung, Durchbrechung oder gar Sprengung. Die räumliche Enge des Rahmens schützt das Innerste, isoliert es jedoch auch.

 

Der 1914 in Bochum geborene und 1982 in Soest verstorbene Künstler Hans Kaiser arbeitete zeitlebens als Autodidakt. Zu seinen herausragenden Werken im öffentlichen Raum zählen das „Schöpfungsfenster“ im Soester Patrokli-Dom, der „Brennende Dornbusch“ in der Dortmunder St. Bonifatiuskirche sowie auf internationaler Ebene mehrere große Fenster in der Washington Cathedral und Mosaiken in der Deutschen Botschaft in Teheran. Innerhalb seines malerischen OEuvres zeugen die graphisch-zeichnerischen Arbeiten von einer hohen künstlerischen Eigenständigkeit und sind als eine gesonderte, autarke Werkgruppe zu betrachten. In den Nachkriegsjahren, ausgelöst durch Aufenthalte in Paris, setzte bei Kaiser ein radikaler Wandlungsprozess ein: die Abkehr vom Gegenstand hin zum Abstrakten. Diesen Drang zur Befreiung von der begrenzten Fläche, mit dem Impetus einer emotionalen Entfesselung, bezeichnete er selbst als „Losschreibung“. Für die expressiven Formauflösungen entwickelte der Künstler um 1960 „seinen freien, gestischen Zeichenstil, der von kalligraphisch-skripturalen Lineamenten und malerischen Passagen“ (Martin Gesing) geprägt ist. Dieser für ihn so charakteristische Duktus aus schnellen, energiegeladenen Bewegungsimpulsen zeigt sich in seinen Porträtserien der 1960er Jahre, die ihre Spannung aus dem Dualismus von linearer Abstraktion und figürlicher Erkennbarkeit beziehen. Zum einen sind es malerische Tuschezeichnungen, deren Komposition aus Pinselschwüngen und -hieben aufgebaut ist, die an japanische und chinesische Schriftzeichen denken lassen. Zum anderen ist es die zeichnerische Linie des Graphitstiftes, die den Charakter des Porträtierten zu erforschen sucht durch kraftvolle, nervöse, fahrige Strichführungen, die sich der klaren Kontur verweigern. In die Zeichnung hineingeschrieben sind Notizen, Namen oder Signatur und Datierung, die in ihrer partiellen Unleserlichkeit Teil der Komposition sind. Weite Partien auf dem Blatt bleiben frei, zur Steigerung der dynamischen Spannung und zur Öffnung des Bildraumes. Die Definition des Raumes durch Schriftzeichen wird zu einem zentralen Anliegen von Kaisers Arbeit.

 

Bei beiden Künstlern ist der Umgang mit dem Bildraum das entscheidende Kriterium für ihre Bildidee. So wie ihre Werke weniger abbildend, sondern vielmehr darstellend sind, so steht der Bildraum für den geistigen Raum, die geistige Haltung des Künstlers. Die räumliche Enge in Hofers Werk bedeutet für den Künstler selbst eine Befreiung des eigenen Ichs, indem sich die Begrenzung der Darstellung des Ichs anpasst. Kaiser hingegen geht es um die räumliche Befreiung des Bildraums – bis hin zur Aufhebung und Erweiterung des Raumes ins Universum hinein.

 

 

DIRECT ART GALLERY

 

Die DIRECT ART GALLERY ist eine gemeinnützige Galerie zur Förderung von Künstlerinnen und Künstlern mit psychischem oder geistigem Handicap. Sie wird von der Aktion-Kunst-Stiftung betrieben und ist im Galerien- und Museenzentrum Düsseldorfs verortet. Neben Werken aus dem klassischen Outsider-Bereich präsentiert die DIRECT ART GALLERY junge, zeitgenössische Positionen.